Detlef Hartmann     

Militärisch-ökonomische Barbarisierung.

„Zunächst – wenn der Krieg von Anfang an zur Geschichte der Menschheit gehört, dann ist anzunehmen, dass der Krieg überwiegend positive Funktionen erfüllt... Worum wird dabei konkurriert? Im Wesentlichen um Macht, um Ressourcen und um die Vorherrschaft eigener kultureller Identitäten... Der Krieg hat seinen Ursprung jedoch nicht nur in den Kosten-Nutzen-Kalkülen der Kontrahenten. Die eigentlichen treibenden Kräfte liegen tiefer. Es ist die Lust an der Macht und an erfolgreichen Aggressionen. Das Unzivilisierte und Ursprüngliche ist es, was fasziniert – der Wegfall aller künstlichen Regeln. Auf den Spielcharakter des Krieges hat bereits Clausewitz hingewiesen. Krieg ist das Spiel mit dem höchsten Einsatz bei dem dann – wenn es um Tod und Leben geht – auch so gut wie alles erlaubt ist. Offensichtlich ist es so, dass der Mensch – oder vorsichtiger formuliert: viele Menschen – bindungsfreie existenzielle Herausforderungen suchen, um sich selbst zu finden. Nirgends ist die Chance dafür so groß wie im Kampf, wie in der Bewehrung im Kampf. Gewalt, Kampf und Sieg auf die Dauer nur im Fernsehen zu erleben, ist für viele dann nur ein schwaches und wenig zuverlässiges Substitut... Der Mensch sucht seine Individualität, aber erleidet auch oft unter ihr. Die Sehnsucht nach Ich-Entlastung und Verschmelzung mit anderen gehört deshalb auch zu seiner Natur. Die stärkste Erfüllung dieser Sehnsucht ist die Gemeinsamkeit im Kampf – abgesehen vielleicht von der Liebe. In diesem Licht ist der Krieg dann kein politisches Mittel mehr, sondern er wird zum Zweck und löst sich von allen gesellschaftlichen Bindungen...Ich bleibe bei meiner ersten These, dass der Krieg Zukunft hat und zwar wegen der Natur des Menschen.“ (Generalleutnant a.D. Jürgen Schnell, Juli 2000).

Phantasien eines ewig gestrigen Militaristen? Schlimmer. Nüchterne Kalkulationen zum Wert der Barbarei als ökonomische Ressource vom Lehrstuhl der Fakultät für Wirtschafts- und Organisationswissenschaften der Bundeswehruniversität in München. Prof. Schnell, vormals Stellvertreter des Generalinspekteurs, hat sie auf einer internationalen Management-Tagung in Brüssel vorgetragen. In den brisanten Teilen ist es eine Aufbereitung der Vorstellungen Martin van Crevelds für Management-Zwecke aus dessen Buch „Die Zukunft des Krieges“ (München 1998) Van Creveld, der sich auch auf Ernst Jünger und auf Hitler-Kumpan General Ludendorff beruft, ist nicht unbeliebt in der Bundeswehr, hat er doch in einem „Focus“-Interview anlässlich des 60sten Jahrestages des Kriegsendes erklärt, die NS-Wehrmacht als solche sei keine verbrecherische Organisation gewesen. Auch van Creveld beschwört die Lust am Krieg, der Entfesselung von allen Regeln in der „Erregung, Aufleben, Ekstase und Delirium“ als „schöpferische Tätigkeit“. „Der Krieg allein erlaubt und verlangt den Einsatz aller Fähigkeiten des Menschen von den höchsten bis zu den niedrigsten, Brutalität und Rücksichtslosigkeit, Mut und Entschlossenheit, die von der Strategie als kriegsnotwenig begriffene schiere Macht: sie alle sind zugleich seine Ursache.“

Aufgeschreckt durch den Strom der „Einzelfälle“ kriegerisch-barbarischen Verhaltens im Rahmen der Bundeswehrausbildung und –einsätze setzt sich die Öffentlichkeit mit den radikalen Veränderungen in den Leitvorstellungen der Bundeswehr auseinander. Jürgen Rose erinnert uns noch einmal daran, dass schon Generalmajor von Kielmannsegg 1991 „der Zivilisationsmöglichkeit einer Armee, die einsatzfähig sein soll, (sind) verhältnismäßig enge Grenzen gesetzt“ sah. Erinnert wird an das Werben des Heeresinspekteurs Generalleutnant Hans-Otto Budde für den Typ des „archaischen Kämpfers“, den „wir uns wohl vorstellen müssen als einen Kolonialkrieger, der fern der Heimat bei dieser Existenz in Gefahr steht, nach eigenen Gesetzen zu handeln.“ Detlef Bald zeichnet in seinen Publikationen das Abrücken vom Leitbild des „Staatsbürgers in Uniform“ zum „Idealbild des Kriegertyps“ nach, dessen „oberstes Leitbild ist: kämpfen können und kämpfen wollen.“. Bei Schnell erkennt er „eine Kontinuität aus dem Denken von Ludendorffs totalem Krieg“ [1]

Verschmelzung von ökonomischen und kriegerischen Potenzialen

Nur auf den ersten Blick erscheint das überzogen. Und nur auf dem Hintergrund der aktuellen Strategien der Skandalverarbeitung. Die machen sich die fein säuberliche Trennung des „Ökonomischen“ vom „Militärischen“ zu nutze. Sie ist lange nicht mehr gerechtfertigt. Aber bevor wir begreifen, wie eng die Rückbezüge zu den Theoretikern und Strategen des „totalen Kriegs sind, müssen wir uns der aktuellen Engführung und Verschmelzung des Militärischen und Ökonomischen zuwenden, wie sie auch in den Vorstellungen Schnell’s zum Ausdruck kommen. Sie sprengen die Vorstellungswelt, die mit der Militarisierung des Ökonomischen nur Kriegsgewinn, Raub, militärkeynesianische Stimulierung verbunden haben. Schnell, van Creveld und ihre Mitstreiter sind keine „ewig Gestrigen“, sie denken auf neue Weise „total“. Wenn wir dies begriffen haben, dann werden wir auch neuer über die alte Dynamik der Totalisierung des Kriegs nachdenken lernen und schließlich auch den Grund für die Neuerschließung ihrer Geschichte. „Kontinuität“ aus dem Danken von Ludendorff ist zu linear gedacht. Es ist eine Totalisierung im postmodernen Gewand, die über den historischen Bruch die Analogien der alten Totalisierung sichtbar werden lässt und zugleich den Bezug aktiv herstellt.

Van Creveld sagt: „Statt dessen könnte man in Anlehnung an Ludendorffs Werk zum totalen Krieg zutreffender sagen, dass er mit der Politik verschmilzt, zu Politik wird, ja Politik ist.“ „Militärische und wirtschaftliche Funktionen werden wieder zusammen geführt, wie es zumindest bis 1648 durchaus übliche Praxis war. Der Ruhm des Einzelnen, Gewinn und Beute, die sich jeder Söldner unmittelbar auf Kosten der Zivilbevölkerung verschaffte, werde nur wieder an Bedeutung gewinnen, nicht nur als zufällige Belohnung, sondern als legitime Kriegsziele. Mit einiger Wahrscheinlichkeit wird auch die Gier nach Frauen und nach sexueller Befriedigung wieder auf den Plan treten. Da die Unterscheidung zwischen Kombattanten und Nichtkombattanten aufgehoben wird, steht zumindest zu erwarten, dass solche Dinge eher toleriert werden als nach den Vorschriften der so genannten zivilisierten Kriegführung.“ (S. 316) Bei Schnell klingt das so: „Sicherlich wird der militärische Manager nicht – um einen Begriff von Clausewitz aufzugreifen – zu einem „Kriegsunternehmer“ vom Typ Wallensteins. Aber die Herausforderung besteht doch in einer mentalen und professionellen Veränderung. Die herkömmliche Welt des Soldaten war eine andere Welt als die des Kaufmanns und Unternehmers. Diese beiden Welten werden nun stärker zusammen geführt werden... Viele kriegsgeschichtliche Erfahrungen zeigen, dass der Soldat dann bereit ist, zu kämpfen, sich voll einzusetzen und auch sein Leben zu opfern, wenn er von Vertrauen erfüllt ist. Dieses Vertrauen umfasst nun eine Reihe von Komponenten... Vertrauen ist die Grundlage jeder erfolgreichen Militärorganisation. Nur auf dieser Grundlage entwickelt sich der gemeinsame Wille zum Erfolg und auch der Stolz auf das was man ist und das was man kann. Es sind die alten Begriffe der Ehre und des Siegeswillens, die in ihrer Substanz keineswegs vergangenen Jahrhunderten angehören... Die Führungs- und Managementgrundsätze von Militärorganisationen sind auf die extreme Form eines Wettbewerbs hin entwickelt. Menschliche Werte und Tugenden zählen da meist mehr als ökonomische Anreize. Es ist das ganze Selbst des Menschen, das gefordert wird... Sicher können Militärorganisationen noch manches vom Management privatwirtschaftlicher Organisationen lernen. Das Umgekehrte gilt aber genauso und wenn es zutrifft, dass der globale Wettbewerb schärfer wird, dann konvergieren auch manche Führungs- und Managementgrundsätze.“

Tötenwollen als „immaterielle Ressource“

Der Griff nach dem „ganzen Selbst“ als Gegenstand der Zusammenführung, der Verschmelzung, der ökonomischen und militärischen Welt, der Welt des Unternehmers und des Kriegers: Was heißt das? Schnell vollzieht die Verschmelzung im Managementbegriff der „immateriellen Ressource“. Immaterielle Ressource ist der Schlüsselbegriff des Zugriffs auf Subjekte im globalen Transformationsprozess des Kapitalismus, den wir „Globalisierung“ nennen. Der Begriff korrespondiert mit anderen handlungs- und managementleitenden Begriffen wie: „Humanressourcen“, „Ressource Mensch“, „Wissenskapital“, „intellektuelles Kapital“, Humankapital. Der Ansatz ist „ganzheitlich“, „total“. Es geht um den Zugriff auf alle Dimensionen des Menschlichen und ihre Erschließung als „Ressource“ zum Zwecke der Neugestaltung der Arbeitsunterwerfung, bis hin zur Erschließung peripherer Ressourcen. Dazu gehören nicht nur „endliche“ Ressourcen des biologischen Substrats und der physischen Verwendungs- und Leistungsfähigkeit, sondern auch Einstellungen, Mentalitäten, soziale Beziehungen, kulturelle Qualitäten und Praktiken, Routinen, Kreativität, Intuition und vor allem „Vertrauen“ („commitment“). Der Zugriff ist „total“ im Sinne eines ganzheitlichen Griffs nach dem Subjekt und seiner Subjektivität unter Einschluss seiner sämtlichen sozialen und kulturellen Bezüge im Sinne einer komplexen „Lebensweise“.[2] In diesem Sinne behandelt Schnell auch die militärische Erschließung des „ganzen Selbst des Menschen“ als Ressource für die Fähigkeit, Gewalt anzuwenden, zu töten und sich zu opfern. Hierzu gehören über die psychischen Quellen der Gewaltbereitschaft, wie sie in den Zitaten des ersten Absatzes zum Ausdruck kommen, hinaus aber weitere Ressourcen.

In einem Aufsatz aus dem Jahre 2002 über „immaterielle Ressourcen und Vertrauen als kritische Erfolgsgrößen in Streitkräften“[3] schreibt Schnell: „In einer allgemein systemorientierten Betrachtung sind Ressourcen alles, was soziale Systeme benötigen, um zu überleben und beabsichtigte Wirkungen zu erzielen.... Dies gilt auch für Streitkräfte als eine spezifische Klasse soziotechnischer Systeme, deren Ziel die Bereitstellung und Nutzung von Kampfpotential für politische Zwecke ist.... Unter immateriellen Ressourcen sollen hier handlungsbestimmende individuelle Werte verstanden werden. Im Unterschied zu den materiellen Ressourcen gehören die immateriellen Ressourcen der geistig-psychischen Welt des Menschen an... Für immaterielle Ressourcen sind Diskontinuitäten, rasche Veränderungen und Brüche nicht untypisch. So können sich etwa Opferbereitschaft, Vertrauen oder die Bereitschaft zum Gehorsam als wichtige immaterielle Ressourcen in Streitkräften unter dem Einfluss bestimmter Ereignisse rasch positiv oder negativ verändern.“ Die tendenzielle Totalisierung der immateriellen Voraussetzungen für die Bereitschaft, zu töten und sich zu opfern bringt Schnell in einer Übersicht zum Ausdruck, die alle Dimensionen menschlicher Existenz erfassen: von Werten, Nationalcharakter, moralischer Unterstützung, Familie, Können, Vertrauen, Disziplin, Kameradschaft etc.

Als zentral für das Management dieser Ressourcen sieht Schnell den „ganzheitlichen“ Ansatz an, der alles umfasst. Dazu gehöre vor allem eine gezielte, alles umfassende Informationspolitik:„Zu den wichtigsten Instrumenten des Managements immaterieller Ressourcen zählt die Informationspolitik. Informationen bestimmen zusammen mit intra-individuellen geistig-psychischen Strukturen das innere Bild der Wirklichkeit. Verhaltensbestimmend ist nicht die Wirklichkeit, wie sie ist, sondern wie sie wahrgenommen wird. Funktional sind es Informationen, die immaterielle Ressourcenpotentiale aktivieren und zur Wirkung bringen. Ob dies gelingt, hängt entscheidend von der Glaubwürdigkeit ab, mit der die Informationen aufgenommen werden. Manipulative Strategien mögen vielleicht kurzfristig erfolgreich sein, auf die Dauer verzehrt und verschüttet eine solche Strategie die immateriellen Ressourcen. Dies gilt insbesondere für das Vertrauen, ohne das kein Streitkräftesystem überleben kann.“ Gezielte Informationspolitik unterhalb der Grenze erkennbar manipulativer Strategien also im Sinne einer glaubwürdigen Beeinflussung des „inneren Bilds der Wirklichkeit“. Die Informationspolitik in der Entwicklung vom ersten Golfkrieg über den Kosovokrieg bis hin zu Afghanistan und Irak belegt plastisch, was damit gemeint ist.

Die zentrale immaterielle Ressource bildet im Militärmanagement, wie auch im ökonomischen Bereich das „Vertrauen“. Denn: „Viele kriegsgeschichtliche Erfahrungen zeigen, dass der Soldat dann bereit ist, zu kämpfen, sich voll einzusetzen und auch sein Leben zu opfern, wenn er von Vertrauen erfüllt ist.“ In dem Aufsatz aus dem Jahre 2002 rechnete er dazu „die alten Begriffe der Ehre und des Siegeswillens, wie schon in der Geschichte deutscher Kriege. In dem Beitrag aus dem 2003 zerlegt er sie noch einmal anders in ein komplexes Spektrum von Komponenten, die sowohl die Heimatfront der „Unterstützung durch die Bürger der eigenen Gesellschaft“ umfassen wie auch Vertrauen auf Material und die Truppe.

Gut, könnte man sagen. So sind halt die Militärs, schlimm genug. Aber wie steht’s mit der Verbindung zur außermilitärischen Ökonomie? Was kann Schnell mit der „Konvergenz“ von militärischen Führungs- und privatwirtschaftlichen Managementgrundsätzen im schärferen globalen Wettbewerb meinen? Was soll das seelische Potenzial des archaischen Kämpfers, barbarische Triebkräfte zu entfesseln, denn in den unternehmerischen Ressourcen? Ist nicht Unternehmenstätigkeit gerade durch die Rationalität der Betriebsführung charakterisiert und entscheidet sie sich nicht darin von den barbarischen Impulsen des archaischen Kriegers? Keineswegs!

Die politische Ökonomie selbst hat in der aktuellen frühen Phase der Globalisierung im Begriff der „Innovation“ die barbarischen Anteile des unternehmerischen Antriebs reaktiviert. Sie hat dies getan im Rückgriff auf Joseph Schumpeter, dessen politisch-ökonomische Grundvorstellungen in einem regelrechten Siegeszug die Managementkonzepte durchdrungen haben. Nicht die nüchterne Kalkulation macht danach die unternehmerischen Potentiale aus, sie ist allenfalls tauglich für den stationären Betrieb eines Unternehmens ohne Entwicklung. Innovative Tätigkeit speist sich aus dem „Siegerwillen, kämpfen wollen einerseits, Erfolg haben wollen des Erfolges als solchen wegen andererseits“, aus der „Fähigkeit, Altes zu zerstören und Neues zu schaffen“, „der Fähigkeit, andere sich zu unterwerfen und seinen Zwecken dienstbar zu machen, zu befehlen und zu überwinden“. Kriegsherr und Unternehmer haben bei Schumpeter einen historischen Ursprung, der auch die Analogie ihrer barbarischen Energien begründet. Und dass es barbarische Energien sind, die den Prozess der wirtschaftlichen Entwicklung, der „schöpferischen Zerstörung“, der innovativen Gestaltung der Welt antreiben, daran lässt er selbst keinen Zweifel. „Rücksichtslosigkeit“, in der „Durchbrechung aller Bindungen“ charakterisieren sie. Schumpeters Gedankenwelt der „schöpferischen Zerstörung“ beherrscht die politisch-ökonomischen Kommandoebenen der Triade Japan-USA-Europa. Greenspan propagiert sie, Köhler als IWF-Direktor und Bundespräsident, Othmar Issing von der EZB etc. Viele Unternehmer und Managementführer (wie zum Beispiel der Chefökonom Walter von der Deutschen Bank) lassen sich von Schumpeters Grundvorstellungen leiten, allen voran das weltweit führende Management-Unternehmen McKinsey.[4] Man darf aber nicht die Verhältnisse verkehren. Das Kapital und das Militär konvergieren in der Steigerung der Aggressivität ihrer Grundvorstellungen nicht, weil sie einer Theorie folgen. Sie konvergieren darin, weil der Umbruch von der Spätphase des keynesianisch orientierten „Fordismus“ zu einer innovativen Welle der Globalisierung neue sehr aggressive Momente in der Zerstörung der alten und Gestaltung der neuen Welt, ihrer sozialen, politischen und ökonomischen Verhältnisse zur Wirkung bringt. Schumpeter wird darum wieder belebt, weil er wie keiner die aggressiven Energien des fordistisch/tayloristischen Take-off vor dem 1. Weltkrieg erfasst und in die Begrifflichkeit einer dynamischen ökonomischen Theorie gefasst hat. Sie bestimmten den damaligen Zyklus der fordistischen „Globalisierung“, der Vernichtung der alten Lebensverhältnisse und Unterwerfung der Menschen unter die Zugriffe des neuen „Scientific Management“.

Barbarei und Globalisierung

Schnell ist Professor an der Fakultät für Wirtschafts- und Organisationswissenschaften – Streitkräftemanagement  - an der Universität der Bundeswehr in München. Dementsprechend behandelt er die Barbarisierungspotentiale des archaischen Krieger nicht nur als Bestandteil der immateriellen Ressourcen der Bundeswehr, sondern er sieht sie als dynamisches Moment im aktuellen Prozess der Globalisierung. Diese Dynamik begreift er als „asymmetrisch“ m Gefälle der hochentwickelten innovatorischen Kerne der Metropolen zu den „Zwischenzonen“ der Regionen mit labilem Gleichgewichtssystem (in der nationalen Sicherheitsstrategie der US die „failed states“): „Hier werden Kriege wahrscheinlicher, insbesondere wenn sich dort wichtige Ressourcen und strategische Rohstoffe befinden.“ Die „stark hegemonial organisierten Regionen – wie etwa die EU oder Nordamerika“ mit ihrer „Eskalationsüberlegenheit“ zeichnet er dabei als zentralen Akteur.

Über  das Projekt dieser Militarisierung des Ökonomischen gibt das Weißbuch 2006 eine grundsätzlich-strategische Auskunft. Sie stellt militärische Intervention ausdrücklich in den Dienst der Globalisierung. „Mit der Globalisierung eröffnen sich für Deutschland neue Chancen... Die Bewältigung dieser Herausforderungen erfordert den Einsatz eines breiten außen-, sicherheits-, verteidigungs-, und entwicklungspolitischen Instrumentariums... (Deutschland) ist entschlossen, den Zugewinn an Freiheit und Gestaltungsraum in einer Welt der Globalisierung zu nutzen...“ „Nicht in erster Linie militärische, sondern gesellschaftliche, ökonomische, ökologische und kulturelle Bedingungen, die nur in multinationalem Zusammenwirken beeinflusst werden können, bestimmen die künftige sicherheitspolitische Entwicklung.“ Erforderlich sei ein „umfassendes Gesamtkonzept“ „Es erfasst neben den klassischen Feldern der Außen- Sicherheits- Verteidigungs- und Entwicklungspolitik unter anderem die Bereiche Wirtschaft, Umwelt, Finanz-, Bildungs- und Sozialpolitik.“[5] Es geht also nicht mehr um Verteidigung, es geht darum, den Prozess der Globalisierung durchzusetzen. Dies ist ein aggressiver Prozess der totalen, der „umfassenden“ Transformation. Sie gibt sich nicht mit Zugriff auf Rohstoff- und Energieressourcen zufrieden. Sie will Welt „gestalten“, gestalten im komplexen, „totalen“ Zugriff.

Das Weißbuch schließt damit an das strategische Konzept der NATO aus dem Jahre 1999 an (S. 17), das die umfassende und totale Zweckrichtung militärischer Intervention nicht nur bei Risiken für die Handelsstrukturen und Rohstoffsicherheit propagierte, sondern auch bei Risiken aus der in verfallenden staatlichen Strukturen beeinträchtigten Sicherheitslage. Zu diesen Risiken zählten „Ungewissheit und Instabilität in und um den euroatlantischen Raum. Sowie die mögliche Entstehung regionaler Krisen an der Peripherie des Bündnisse, die sich rasch entwickeln können... Ethnische und religiöse Rivalitäten, Gebietsstreitigkeiten, unzureichende oder fehlgeschlagene Reformbemühungen... (so wie die)... Unterbrechung der Zufuhr lebenswichtiger Ressourcen. Die unkontrollierte Bewegung einer großen Zahl von Menschen, insbesondere als Folge bewaffneter Konflikte.“

Die im September 2002 veröffentlichte amerikanische „nationale Sicherheitsstrategie“ (NSS), deren tragende Grundsätze im Hinblick auf die gewünschte euro-atlantische Partnerschaft ganz offenbar auch in das Weißbuch 2006 eingeflossen sind, präzisiert dies. Hier werden auch militärische Interventionen in den Dienst der Öffnung von Gesellschaften und Märkten (Präambel S. 18f, 21) gestellt, um sie für den Zugang der kapitalistischen Kräfte zu öffnen: Finanzen, Services, Technologien, um das Produktivpotential der Arbeit zu „entfesseln“ (Präambel S. 17ff).[6]

Diese Verschmelzung von Ökonomie und Militär in der totalen Entfesselung und Erschließung der „immateriellen Ressourcen“ bis in ihre barbarischen Triebkräfte hinein, erlaubt es, auch den Rückgriff auf die Theoretiker und Strategen des „totalen Kriegs“, wie Ludendorff einer war, zu verstehen. Wir sehen, dass es zu simpel ist, Schnell und anderen Propagandisten des „archaischen Kämpfers“ zu unterstellen, sie orientierten sich in linearer Traditionspflege einfach an Ludendorff. Es wird richtig, wenn wir Ludendorffs Strategien und Vorstellungen des totalen Kriegs als Facette einer analogen Verschmelzung des militärischen und ökonomischen Managements zu einer Dynamik der Globalisierung begreifen, wie sie sich heute wieder manifestiert. Die neue bürgerliche Geschichtsschreibung der USA, Englands, Deutschlands drängt uns dies geradezu auf. Hier hat eine „Innovation“ stattgefunden, die die aggressive militärisch-ökonomische Innovation unserer Tage im Geschichtsbild nachvollzieht und zugleich unterfüttert. Sie hat die alten Vorstellungen relativ geräuschlos zu Grabe getragen: die Vorstellung von der „Urkatastrophe“ der Barbarei, die die Modernisierung behindert habe, die Vorstellung von den antimodernen Kräften des Kaiserreichs, die für den Krieg verantwortlich seien und Deutschland auf einen Sonderweg geführt hätten. Vielmehr werden nunmehr die Kräfte, die sich in den totalen Krieg entfesselt hätten, als Kräfte der Innovation im ökonomischen und sozialen Management gesehen, als Kräfte der Modernisierung der deutschen Gesellschaft hin zur industriellen Massengesellschaft bis in ihre sozialen, kulturellen, mentalen Dimensionen hinein. Ihre Entfesselung in das Blutbad des totalen Kriegs erscheint zugleich als erste Phase einer Globalisierung im Krieg der innovativen Kräfte vor allem der USA und Deutschlands, die im 2. Weltkrieg lediglich ihre Erweiterung und Vertiefung gefunden habe.

Für diese Sehweise stehen maßgebliche Historikeravantgarden wie Irmgard Steinisch, Roger Chickering, Goff Eley, Dennis Showalter, Stig Förster, Modris Eksteins. Eksteins zeichnet Deutschland gerade in der Verschmelzung von Innovation und Barbarei als „die modernistische Nation par excellence“. Die Dynamik der Totalisierung, der Indienststellung aller managerialen, psychischen, mentalen Kräfte in den Prozess militärischer und zugleich ökonomischer Effektivierung wurde zunehmend als einheitliche Dynamik begriffen. Ludendorffs Strategien, aber auch Ernst Jüngers Propaganda stellen danach nur einen Strang, eine Beleuchtung dieser komplexen Dynamik dar.

Eine bemerkenswerte Stimme aus diesem Konzert aggressiver geschichtswissenschaftlicher „Erneuerung“ ist der Historiker Prof. Michael Stürmer. Seine politisch-historiographische Bedeutung ergibt sich daraus, dass die von ihm geleitete und maßgeblich geprägte Stiftung „Wissenschaft und Politik“ von Joschka Fischer zum Haupt-Think-Tank der deutschen Außenpolitik gemacht worden ist. In seinem Buch über „Das ruhelose Reich, Deutschland 1866-1918“ verleiht er der komplexen barbarisch-innovativen Dynamik diesen wissenschaftlich-propagandistischen Ausdruck:

            „Jene Einheit aus Zerstörungskraft und Schöpferkraft, die der Kultur der Weimarer Politik ihr zerrissenes Antlitz gab, war schon um die Jahrhundertwende im Entstehen. Jeder Gedanke der Welt nach dem Großen Krieg ist vorher schon gedacht worden, aber da fehlte noch die radikale Durchschlagskraft und die Spur der Gedanken wurde noch mit Tinte, nicht mit Blut gezeichnet“. (S. 264) „Ernst Jünger, Schützengrabenoffizier mit Pour-le-Merite-Orden und Künder einer Ästhetik des Todes („In Stahlgewittern“), hat 1930 von der totalen Mobilmachung geschrieben, die den Krieg zum gigantischen Arbeitsprozess machte: ‚In dieser absoluten Erfassung der potentiellen Energien, die die kriegführenden Industriestaaten in vulkanische Schmiedewerkstätten verwandelt, deutet sich der Ausbruch des Arbeitszeitalters vielleicht am sinnfälligsten an – sie macht den Weltkrieg zu einer historischen Erscheinung, die an Bedeutung der französischen Revolution überlegen ist.’“ Stürmer in einem Festvortrag am 16.07.2004 unter dem Titel „Innovation“: „Innovation – das ist das technokratische Wort für den göttlichen Funken, das Feuer der Giganten, welches Prometheus den Menschen schenkte.... Die alten Griechen, die so vieles wussten, ahnten auch die Schmerzen der Modernität und damit den ewigen Widerspruch zwischen dem Beharren und Fortschreiten, zwischen dem schmerzhaften Abschied und dem ungewissen Aufbruch. Dieser Widerspruch der immerwährenden Entgrenzung ist unauflöslich und damit tragisch.... Krieg ist der Vater aller Dinge, lehrte Herodot. Oder doch, beeilen wir uns zu sagen, vieler... Was aber treibt den schöpferischen Geist? Der Krieg nicht allein, auch nicht die existenzielle Krise, survivel of the fittest, die brutale Konkurrenz des Marktes. Viel bewirkt auch, so sah es Werner Sombart in „Liebe, Luxus und Kapitalismus“, die alte Neigung der Männer zu den Frauen.“ Innovation – Töten - Frauen –van Creveld lässt grüßen.

Das Konzert des Aufrufs barbarischer Energien in den totalen Innovationskrieg ist vielstimmig. Es verschmilzt mit den ekstatischen Orgien der Tötungsenergien aus dem geschichtlichen Hallraum des letzten Globalisierungszyklus zu einem neuen Gesang. Schnell ist nur eine Stimme, wenn auch eine maßgebliche. Wir werden ihr nur gerecht, wenn wir die Barbarisierung in allen ihren ökonomisch-managerialen, kulturellen, mentalen Strängen aufspüren, die ihre historische Verwirklichung in einem Schub der Totalisierung sucht.



[1] J. Rose, Archaische Kämpfer am Hindukusch, Freitag vom 03.11.2006; D. Bald, Die Bundeswehr, München 2005, Der Paradigmenwechsel der Militärpolitik, Mittelweg 36, 5/99, S. 23; ders. Neotraditionalismus in der Bundeswehr, W&F 4/98, TAZ-Interview vom 26.10.2006 und Kommentar in K. Koufen, Der Mensch, eine Kriegernatur, Taz  7.11.06

[2] Aus der unermesslichen Literatur: M. Moldaschl (Hg.) Immaterielle Ressourcen, München 2005; ders. „Neue Ökonomie der Arbeit“, Marburg 2003, darin insbesondere sein Beitrag: „Von der Personalwirtschaftlehre zur Wirtschaftslehre der Person?, S. 95

[3] in: R. Buck (Hg.), Die Kosten des Friedens, Dachau 2002, S. 149

[4] vgl. das bei AssoziationA im Dezember erscheinende Buch über des Streik bei Gate Gourmet.

[5] Bundesministerium der Verteidigung, Weißbuch 2006, Teil 1, S. 16 - 26

[6] Vgl. D. Hartmann, D. Vogelskamp, Irak. Schwelle zum sozialen Weltkrieg, 2003, S. 34ff

Dieser Text als pdf